E-Paper - 26. Oktober 2017
Bodensee Nachrichten
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Sie betonen, dass im Masterplan viele schönfärberische Perspektiven gezeigt werden. Können Sie dazu ein paar kurze Beispiele nennen?

Die Eingriffe in die Natur werden bagatellisiert und verniedlicht. Die massiven Einschnitte beim riesigen Anschlusswerk im Witenwald, wie auch die Tunneleinfahrt im Sulzberghang werden in der Visualisierung in Kleinstperspektive dargestellt. Zudem ist im Flyer kein fahrendes Auto zu sehen ein Wohlfühlprospekt, der das künftige Verkehrsaufkommen bis in die Mitte der Stadt Rorschach in keiner Weise darstellt. Schön gestaltete Freiräume, häufig ohne direkten Zusammenhang mit dem Projekt dominieren. Eine objektive Darstellung der Vor- und Nachteile fehlt.

Für Sie und Ihren Verein geht die Planung also nicht auf. Was wäre die Lösung des Vereins kein3.autobahnanschluss.ch?

Ein von uns in Auftrag gegebenes Positionspapier bei einem ausgewiesenen Verkehrsexperten hat aufgezeigt, dass es bei dieser Verkehrsmenge keinen zusätzlichen Anschluss braucht. Mit Bahnunterführungen sowie ergänzenden Massnahmen im bestehenden Strassennetz kann die Verkehrsproblematik massiv reduziert werden, ohne zusätzliche Gebiete zu belasten.

Ebenfalls bemängeln Sie, dass der Eingriff in die Landschaft beim neuen Anschluss kaum thematisiert wurde. Wieso ist dieser Eingriff Ihrer Meinung nach nicht akzeptabel?

Die massiven Einschnitte beim Anschlusswerk im Witenwald, wie auch die Tunnelein- und ausfahrt im Sulzberghang verursachen einen unverhältnismässigen massiven Eingriff in die Landschaft und das Naherholungsgebiet. Dies, ohne dass an einem andern Ort bedeutende belastete Gebiete zurückgewonnen werden können.

Ihnen fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit den negativen Aspekten. Wird dies Ihrer Meinung nach bewusst unterschlagen? Welches sind die Punkte, die zu wenig klar sind?

Die erste Infoveranstaltung im Würth-Saal war eine bewusst inszenierte Marketingkampagne für den Anschluss. Wohlfühlbilder welche mit dem Anschluss wenig bis gar nichts zu tun hatten prägten die Präsentation. Eine solch unkritische Darstellung könnte man von einem privaten Investor verstehen, nicht aber von Bund, Kanton und Gemeinden. Die starke Zunahme der Lärmemissionen in der Umgebung des Tunnels sowie im Umfeld der neuen Strasse wurde kaum thematisiert. Illusorisch war auch die Darstellung des Entwicklungspotentials entlang der neuen Strasse. Welcher Investor will denn schon direkt über oder neben einer neuen, stark verkehrsbelasteten Tunneleinfahrt investieren, wenn in andern Gebieten in der Region noch wesentlich bessere Flächen zur Verfügung stehen. Und dies bei einem überdurchschnittlichen Leerwohnungsbestand und freien Gewerbeflächen. Die Gefahr, dass statt einer Verdichtung eine unerwünschte Entleerung des bestehenden Siedlungsraums erfolgt, ist gross.

Bei einem Punkt kritisieren Sie, dass auf einem Modellbild des Masterplans zu wenige Autos abgebildet sind. Sie schreiben in der Vernehmlassung «Auf all den Bildern wird der Eindruck vermittelt, dass sich der Verkehr mirakulös in Luft aufgelöst hat». Sind Sie nicht der Meinung, dass dieser und einige andere, gesuchte Kritikpunkte sind?

Nein, überhaupt nicht. Wir stehen zu dieser Aussage. Wenn der Flyer eine echte Informationsgrundlage mit objektiven Vor- und Nachteilen des Projektes aufgezeigt hätte, hätte dieser den Zweck einer argumentativen Entscheidungsgrundlage erfüllt. Es hat ja überhaupt keine kritischen Punkte drin weder inhaltlich noch visuell eben eine Wohlfühlbroschüre!

«Die Behauptung, dass durch den Anschluss Witen nicht wesentlich Neuverkehr generiert wird, ist aus verkehrswissenschaftlicher Sicht so nicht haltbar. Der Verkehr verhält sich wie Wasser. Wenn er Platz hat, fliesst er durch und bei mehr Platz gibt es mehr Verkehr.» Eine widersprüchliche Aussage?

Nein. Es gibt eine alte Weisheit, die Verkehrsexperten bestätigen. Mehr Strassen führen zwangsläufig zu mehr Verkehr. Wir bauen ja fast keine anderen Strassen zurück. Deshalb führt ein grösserer Strassenraum zu noch mehr Verkehr. Diese Strassenschleuse von der Autobahn bis zur Löwenstrasse bringt eindeutig Mehrverkehr, speziell im Zentrum der Agglomeration ohne massive Entlastungen andernorts.

In Ihrer Vernehmlassung wird ein wesentlicher Punkt ausser Acht gelassen, nämlich die Reduktion des Verkehrs der Rorschacher zum Anschluss Meggenhaus. Dabei wäre die Entlastung von Goldach einer der Hauptgründe des möglichen Autobahnanschlusses. Setzen Sie sich nur für Rorschach ein?

Die St.Gallerstrasse in Goldach würde nur zu etwa einem Drittel entlastet, der grösste Teil des Verkehrs (Ziel- Quell- und Binnenverkehr) bleibt. Einzelne Streckenabschnitte in Goldach hätten nach den Ausführungen im Projektplan weiterhin über 14 000 Fahrzeuge pro Tag, damit gewinnen wir keine Wohngebiete zurück. Goldach wäre aber auch sonst der grosse Verlierer, weil der grösste Teil der neuen Strassen und somit auch der zusätzlichen Emissionen auf Goldacher Gebiet entsteht. Wir kämpfen also auch für Goldach.

Anders gefragt: Welche Auswirkungen hätte der aktuelle Masterplan für die Gemeinden Rorschach, Rorschacherberg und Goldach?

Der Preis wäre für alle drei Gemeinden hoch, zu hoch. Rorschach hätte wegen dem direkten Anschluss mit Mehrverkehr zu rechnen. Auch mit mehr Suchverkehr für Parkplätze in den Quartieren. Rorschacherberg hätte zwar einen bequemeren Anschluss zur Autobahn. Die Hanglagen hätten wegen dem ausgewiesenen Zusatzverkehr aber spürbar mehr Lärmemissionen. Und Goldach gibt den letzten grünen Hang her, ohne dass die St. Gallerstrasse zu einem Wohngebiet zurückgewonnen werden kann.

Was denken Sie, wie realistisch ist eine Einigkeit aller Interessengruppen?

Der Entscheid, die Verkehrsprobleme mit einem Autobahnanschluss zu lösen, wurde sehr früh und ohne öffentliche Meinungsbildung von den Gemeindebehörden alleine gefällt. Alternative Lösungen und Wege hat man nicht in Betracht gezogen und bewertet. Nun werden kritische Stimmen als ideologische Verhinderer dargestellt und abgetan. Deshalb gibt es jetzt nur noch die beiden Möglichkeiten Ja oder Nein zum Projekt. Dies haben die Gemeindebehörden zu verantworten. Erst nach einer Ablehnung an der Urne kann der ganze Variantenfächer diskutiert werden und hoffentlich auch zu neuen Erkenntnissen führen.

Interview: Marino Walser

Bodensee Nachrichten vom Donnerstag, 26. Oktober 2017, Seite 3 (40 Views)

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